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Artikel Tagged ‘Freiheit statt Angst’

Eine tumbe Taktik

14. Oktober 2008

Es gibt wohl Zoff im Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung, der wissentlich überhöhte Teilnehmerzahlen der Demo vom vergangenen Samstag kommuniziert. Einerseits überrascht das wenig, denn Veranstalter von Demonstrationen sehen die Teilnehmerzahlen immer wesentlich optimistischer, als sie tatsächlich sind. Das weiß jeder und kalkuliert jeder mit ein. Allein die Qualität, die realistisch anzunehmende Zahl von 20.000 Teilnehmern zu verfünffachen hat schon eine gewisse Qualität der Dreistigkeit und erinnert irgendwie an die Praktiken der MLPD oder anderer Splittergruppen. Ich finde die Taktik zwar relativ tumb, weil man die eigene Glaubwürdigkeit erschüttert und der Sache so sicher einen Bärendienst erweist (vor allem wenn man so offenkundig dreist lügt und das auch noch auf Mailinglisten öffentlich diskutiert). Zudem muss man sich nicht verstecken, wenn man mit einem Thema, das als relatives Nischenthema verstanden wird, 15.000 oder 20.000 Menschen für eine Demo mobilisiert.

Das gilt vor allem vor dem Hintergrund, dass die Art und Weise, wie die Veranstaltung praktisch ablief, an Ideenlosigkeit kaum zu übertreffen ist. Ich dachte teilweise, dass ich mich auf einer Gewerkschaftsdemo befinde, die seit den 70er Jahren nach dem immer gleichen Muster ablaufen. Da wird was zu Grabe getragen und ein hilfloser Einheizer versucht, die Massen mit tollen Parolen wie “Speicherung kastriert Mein Recht, deshalb ist sie ungerecht” zum Mitgröhlen zu animieren. Das war etwa so erfolgreich wie Hubertus Heils “No we can’t“. Ist aber alles nicht so schlimm. Vielleicht bin ich bei solchen Dingen etwas abgestumpft, weil ich sowas seit Jahren in allen politischen Zusammenhängen, in denen ich tätig war erlebt habe und die Welt davon nicht unter geht. Mein frommer Wunsch ist lediglich, dass der AK Vorrat sich nicht weiter boulevardisiert und wieder mehr kluge Ideen statt aktionistischer Einfälle verfolgt.

Was mich wiedermal richtig ärgert, ist dieser unsägliche Typ von netzpolitik.org. Der ist ja ohnehin nicht nur ein Freund der Grünen (die Schilys Sicherheitspakete, das Luftsicherheitsgesetz usw. mitgetragen haben), sondern vor allem auch der Superlative. In seiner umstrittenen “Studie” zu Politik im Web 2.0 ernennt er sich mal eben selbst zu “Deutschlands bekanntestem politischen Blogger” und bejubelt in seinem Bericht zu besagter Demo die 50.000 bis 100.000 Teilnehmer, einen Erfolg, den so niemand geahnt hätte. Was nicht stimmt, weil die Teilnehmerzahl der Demo ziemlich exakt den Erwartungen entspricht. Ob es damit die größte Datenschutzdemo war, sei dahin gestellt. Das kann sein oder auch nicht. Wen interessiert das?

Warum rege ich mich darüber auf? Weil Beckedahl in der letzten Zeit vermehrt negativ auffällt. Sei es durch diese ominäse “Studie”, sei es dadurch, dass er – ansich löblich – immer wieder bürgerrechtspolitische Themen aufgreift, dabei aber jeden halbwegs neutralen Standpunkt missen lässt, sondern mit beachtlicher Dreistigkeit seine Auftraggeberin, die Grüne Bundespartei, hochjubelt. Und alle schlucken das, ohne sich zu mokieren. Das treibt wirklich meine Blutdruck.

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