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Archiv für die Kategorie ‘medien’

Acht der Loveparade-Toten macht der “Berliner Kurier” ein zweites Mal zu Opfern

27. Juli 2010

Wenn es um die Befriedigung von Sensationsgier geht, dann machen (nicht nur) die Boulevardzeitungen keine Gefangenen: Der Berliner Kurier druckt heute auf seiner Titelseite Portraitfotos von acht der 20 Todesopfern der Loveparade ab – nebst Vornamen, verkürztem Nachnamen und Alter. Manche der Fotos machen aufgrund ihrer geringen Auflösung den Eindruck, dass sie einfach aus dem Internet zusammengeklaubt wurden.

Richtlinie 8.1 des Pressekodex besagt:

Bei der Berichterstattung über Unglücksfälle, Straftaten, Ermittlungs- und Gerichtsverfahren (s. auch Ziffer 13 des Pressekodex) veröffentlicht die Presse in der Regel keine Informationen in Wort und Bild, die eine Identifizierung von Opfern und Tätern ermöglichen würden. Mit Rücksicht auf ihre Zukunft genießen Kinder und Jugendliche einen besonderen Schutz. Immer ist zwischen dem Informationsinteresse der Öffentlichkeit und dem Persönlichkeitsrecht des Betroffenen abzuwägen. Sensationsbedürfnisse allein können ein Informationsinteresse der Öffentlichkeit nicht begründen.

Ich finde, dass der Kurier ganz klar gegen diese Richtlinie verstößt und die Persönlichkeitsrechte der Opfer und deren Familien mit den Füßen tritt. Ich habe mich daher heute als Denunziant betätigt und eine Beschwerde beim Presserat gegen den Kurier eingereicht. Kann ja nicht sein, dass es nur gegen die Bild geht, über die sich fast 200 Leute deswegen beschwert hatten. Hier der Text der Beschwerde:

Der Berliner Kurier bringt auf seiner Titelseite vom 27. Juli 2010 die Fotos von acht Todesopfern des Unglücks, das sich während der Loveparade ereignete. Die Gesichter sind gut erkennbar und mit dem Vornamen sowie dem abgekürzten Nachnamen betextet. Darüber hinaus machen die Fotos aufgrund ihrer niedrigen Auflösung den Eindruck, einfach im Internet zusammengeklaubt worden zu sein.

Dies stellt m.E. einen Verstoß gegen Ziffer 8.1 (1) des Pressekodex dar. Die Opfer sind gut erkennbar und damit identifizierbar. Die reißerische Aufmachung der Seite dient wohl ausschließlich der Befriedigung von Sensationsbedürfnissen.

Beim Presserat kann man sich jetzt übrigens auch online beschweren.

medien

Merk das Sommerloch verhageln

22. Juli 2010

Eine Frau Merk aus Bayern hat also herausgefunden, wer und was für die Missbrauchsfälle bei dieser Ferienfreizeit verantwortlich ist. Mein Vorschlag: Wir machen ihr Kalkül, mal schnell mit sowas in die Medien zu kommen, weil sonst keiner Notiz von ihr nimmt, kaputt, indem wir uns nicht darüber aufregen. Wir kommentieren es nicht und stellen es nicht richtig. Lasst uns die Schweigespirale starten, statt derartiges Verhalten durch Aufmerksamkeit, die wichtigste Währung im Netz, zu belohnen. Danke für die Aufmerksamkeit.

Foto: flickr / merze (cc-by-nc-nd)

Foto: flickr / merze (cc-by-nc-nd)

Politik, medien

Jetzt mit Flatter / Sozialismus 2.0

27. Mai 2010

Ich möchte Eure Aufmerksamkeit mal rechts auf diesen Flattr-Button werfen, für den ich die pöse Adsense-Anzeigen rausgeklickt habe. Flattr ist eine schöne Monetarisierungsidee: Wer etwas im Netz findet, das ihm gefällt, klickt auf den Flattr-Button. Am Monatsende wird abgerechnet: Ein Betrag, den man zuvor bei Flattr eingezahlt hat, wird an diejenigen Content-Produzenten verteilt, deren Inhalte man zuvor geflattert hat. Gleichzeitig bekommt man Geld zurück – und zwar von denjenigen, von denen man selbst geflattert wurde. Das ist Sozialismus 2.0, denn man kann sich in der Blogosphärenfamilie ein wenig Geld hin und her überweisen. Mir gefällt das.

Flattr ist – natürlich – in der Beta, man kommt nur rein, wenn man eingeladen wird. Ich habe noch ein paar Einladungen übrig. Wer eine will, postet in den Kommentaren.

Hier gibt es auch ein nettes Erklärvideo dazu:


mark vs. world, medien

Ach, bild.de: Gysi ist der andere, weißt du?

26. Februar 2010

Auch bild.de hat sich heute mit dem “Eklat” im Bundestag befasst und zitiert Außenminister Westerwelle, der auf eienr Pressekonferenz zur Protestaktion der LINKEN heute im Bundestag geäußert hat:

Auch FDP-Chef Guido Westerwelle zeigte sich empört. „Mit einem Fraktions-Chef Gregor Gysi wäre das nicht passiert”, sagte der Außenminister, der im Anschluss an die Bundestagssitzung eine Pressekonferenz abhielt.

Darauf folgt dann eine sehr nützliche weiterführende, sozusagen Mehrwert-Information für bild.de-Leser:

Gysi war früher Fraktions-Chef der Linken, trat am mit Beginn der neuen Legislaturperiode aber von seinem Amt zurück. Zur Zeit wird die Bundestagsriege der Linken kommissarisch von Gesine Lötzsch geführt.

Falsch, falsch, falsch und falsch. Derjenige, den sie meinen, ist Oskar Lafontaine. Der ist zu Beginn der Legislaturperiode aber nicht zurückgetreten, sondern er kandidierte nicht wieder. Gregor Gysi ist nach wie vor Fraktionsvorsitzender der LINKEN. Gesine Lötzsch hingegen ist kommissarisch gar nichts, sondern amtiert ganz normal als stellvertretende Fraktionsvorsitzende. Was bild.de eventuell meinen könnte, ist, dass Gesine designierte Parteivorsitzender der LINKEN ist.

Inzwischen hat bild.de den Text geändert und schreibt nur noch, dass Gysi sich auf einer Auslandsreise befinde. Damit ihr mir es glaubt, habe ich natürlich einen Screenshot gemacht:

Edit: In einem Detail hat bild.de nicht ganz unrecht: Weil Gysi ja gerade in Lateinamerika ist, war Gesine sozusagen amtierende Fraktionsvorsitzende und hat heute die Riege der LINKEN Abgeordneten geführt.

medien

Junge Freiheit gegen mich – heute war die Verhandlung

25. Februar 2010

Heute fand am Landgericht Berlin der Prozess Junge Freiheit gegen mich statt (hier zur Vorgeschichte). Anders als bei anderen ging es hier nicht darum, ob die Junge Freiheit als NPD-Postille bezeichnet werden kann, sondern um eine bestimmte Tatsachenbehauptung. Um es kurz zu machen: In der Hauptsache ist kein Urteil ergangen. Vielmehr habe ich mich bereit erklärt, eine Detailformulierung zu ändern. In diesem Zusammenhang stelle ich hier gerne klar:

Die Junge Freiheit hat vor dem OLG Frankfurt keine Niederlage in einem Verfahren gegen einen Staatssekretär einstecken müssen, der behauptet hatte, dass die Junge Freiheit von der NPD-Jugendorganisation gesteuert sei. Tatsächlich hat der Staatssekretär sich von seiner Aussage distanziert und bedauert sie. Vielmehr – und das ist die Korrektur – hat die Junge Freiheit vor dem OLG Frankfurt eine Schlappe in einem Verfahren gegen den evangelischen Pressedienst eingefahren, der über die Angelegenheit folgendes berichtet hatte:

Zugleich erhob der Staatssekretär schwere Vorwürfe gegen die Zeitung Junge Freiheit, die das Projekt 2006 in einem Artikel verunglimpft habe. ‘Die Junge Freiheit werde von der Jugendorganisation der NPD gelenkt’, erklärte er. (Quelle / Urteil als PDF)

Diese Korrektur hätte die Junge Freiheit aber auch mit einer außergerichtlichen Gegendarstellung bekommen können. Aber sei’s drum. Der vorsitzende Richter Mauck hatte zu Beginn der Verhandlung ganz richtig und nicht ohne Grund festgestellt, dass dies wieder eines der überflüssigen Verfahren ist.

Beendet ist die Auseinandersetzung mit der Jungen Freiheit aber noch nicht. Jetzt ist nämlich die Frage der Kosten offen. Dazu wird das Gericht sich demnächst auslassen. Je nach Ergebnis kann also ein weiterer Prozess folgen. Wahrscheinlich aber wird die ganze Geschichte für die Junge Freiheit kein preiswertes Vergnügen. Und ob sie mit dem Ergebnis glücklich sein kann, darf bezweifelt werden. Ich jedenfalls habe nichts zu meckern.

Einen interessanten Nebenaspekt hatte die Verhandlung dann aber doch. Ganz am Rande spielte die Frage, ob man die Junge Freiheit als NPD-Postille bezeichnen kann, eine Rolle. Der Anwalt der Jungen Freiheit hat ganz freimütig – und für mich völlig überraschend – mitgeteilt, dass eine solche Aussage als Meinungsäußerung angesehen würde und dass die Rechtssprechung in der Regel dazu neige, dies als legitim anzusehen. Vor dem Hintergrund, dass die Junge Freiheit das Womblog genau wegen dieser Äußerung abgemahnt hat und wohl vor den Kadi ziehen will, kommen mir immer mehr Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Prozesstreibens am rechten Rand des Blätterwaldes. Es bleibt also spannend.

Politik, medien

Junge Freiheit hat Klage gegen mich eingereicht

6. Januar 2010

Pünktlich am 24. Dezember hatte ich einen gelben Brief vom Landgericht Berlin im Briefkasten. Der Inhalt: Eine Klage der Jungen Freiheit. Im Prinzip nehme ich gerne zur Kenntnis, dass die nicht in Hamburg klagen. Das wars dann aber auch schon.

Gegenstand der Klage ist nicht etwa die Frage, ob die JF eine NPD-Postille ist oder nicht (weswegen das Womblog sich juristisch mit dem Blatt auseinandersetzt), sondern die Frage, ob die Junge Freiheit vor dem OLG Frankfurt eine Schlappe hinnehmen musste. Zwar hängen die beiden Fragestellungen zusammen. Dennoch wundere ich mich, dass die Anwälte der JF gegen das Womblog wegen des Begriffs der NPD-Postille vorgehen, es aber uninteressant zu sein scheint, wenn das in meinem Blog steht, ich dafür jedoch eine Klage wegen eines anderen Nebenaspekts bekomme. Das ist alles sehr verwirrend, zumal das Prozessrisiko nicht gerade gering ist. Auf den Verlierer werden in der ersten Instanz Kosten über mehr als 2.000 Euro zukommen. Mich stört das ja nicht weiter. Aber wenn die JF nicht weiß, wohin mit der Kohle, soll es mir auch Recht sein.

Der Streitwert wurde übrigens vom Gericht auf 5.100 Euro festgelegt – deutlich geringer als von der Jungen Freiheit beantragt. Bei Gelegenheit sinniere ich mal darüber, wie solche Streitwerte überhaupt ermittelt werden und frage mich, wie viele Milliarden der Streitwert betragen muss, wenn man gegen die BILD-Zeitung klagt.

Das mache ich aber erst nach der Verhandlung, die am 25. Februar um 11.30 Uhr im Landgericht Berlin (Albau I / 143) stattfindet.

Politik, medien

Post vom Anwalt der “Jungen Freiheit”

3. November 2009

Jetzt habe ich doch noch Post von einem Anwalt der Jungen Freiheit bekommen. Es geht dabei aber nicht um den Text, den das Womblog übernommen hatte und abgemahnt wurde, sondern um folgendes:

In dem Artikel “Junge Freiheit mahnt Blogger ab” (hier) stelle ich die – wie ich finde: zutreffende  (Update: ursprünglich in einem Detail doch nicht ganz zutreffende) – Behauptung auf, dass die Junge Freiheit vor Gericht schon mal eine Schlappe hinnehmen musste, als sie gegen (…)* klagte, der die JF in Zusammenhang mit der NPD-Jugendorganisation brachte.

Ohne Kostennote wird jetzt von mir verlangt, eine Unterlassungsverpflichtungserklärung abzugeben. Ich werde die Erklärung natürlich nicht abgeben. Der Anwalt der Jungen Freiheit unterstellt mir mit einer unglaublich windigen Begründung, eine unwahre Tatsachenbehauptung abgegeben zu haben. Dabei liegt mir das Urteil des OLG Frankfurt/Main vor. Und hier kann man es sich Dank Google immerhin noch anschauen. Dazu kommt, dass seinerzeit zahlreiche andere Blogs und sonstige Medien über den Prozess berichtet haben, den die Junge Freiheit verloren hat.

Als nächstes kommt wahrscheinlich Post von Anwalt der NPD, der will, dass man es unterlässt zu behaupten, dass Deutschland den Zweiten Weltkrieg verloren hat.

Rechtsanwalt Kay Füßlein vertritt mich jetzt, wie schon den Kollegen vom Womblog, gegen die Junge Freiheit. Haben wohl am Jahresende noch zu viel Geld in der Kasse.

Update: Am 25.2.2010 war der Prozess. Im Ergebnis habe ich eine Änderung an diesem Text vorgenommen. Ausführlicher dazu später an anderer Stelle.

* Richtig ist: Die Junge Freiheit hatte gegen den evangelischen Pressedienst geklagt.

medien

Grüße aus dem Bonner Bundestag an den Frank-Springer-Verlag in Berlin am Main

9. Oktober 2009

Bild.de glänzt heute richtig:

Das Käseblatt berichtet darüber, dass Oskar Lafontain nicht mehr als LINKE-Fraktionsvorsitzender antritt, sondern sich auf seine Aufgaben in der Partei konzentrieren will. Der Teufel steckt im Detail. Bild.de schreibt:

Stattdessen will er sich auf sein Amt als Parteichef im Saarland konzentrieren.

Lafontaine ist zwar Parteichef, aber nicht im Saarland, sondern im Bund. Der saarländische Vorgesetzte der LINKEN heißt Rolf Linsler.

Gregor Gysi würde dann allein in Bonn die Parteigeschäfte führen.

Ein Satz, zwei Fehler: Der Bundestag steht in Berlin; selbst dort würde Gregor Gysi aber nicht die Partei-, sondern die Fraktionsgeschäfte führen. Die Parteigeschäfte führt weiterhin Oskar Lafontaine als Parteivorsitzender.

Bild.de bezieht sich auf Meldungen des SPIEGEL, der den Mist verzapft hätte. Dort liest sich das aber ganz anders:

Der 66-Jährige will demnach auch sein Bundestagsmandat abgeben – und sich auf seine Arbeit im Saarland und als Parteichef konzentrieren.

Und weils so schön ist, hier der Screenshot:

bild-bonn

Update: Bild.de hat den Text inzwischen überarbeitet und die Formulierungen an die des SPIEGEL angepasst, von dem sie abgeschrieben haben sich inspirieren ließen.

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Gesagt ist noch lange nicht gesagt

14. Juli 2009

Über das dumm-dreiste Sommerinterview mit Oskar Lafontaine im ZDF wurde schon zu viel richtiges geschrieben, als dass ich noch einen draufsetzen müsste. Ich warte einfach ab, wie das ZDF die Vorsitzenden der anderen Parteien anspeicheln wird, wie es das immer macht. Ob Angela Merkel auch keinen Satz wird zu Ende sprechen können und ob frey oder der unsägliche Hahne auch vier Mal nach Merkels FDJ-Vergangenheit fragt. Und dann freue ich mich, weil ich Recht habe. Und Klugscheißerei ist gut für das Selbstbewusstsein. Zumindest dann, wenn man Recht hat.

Fast schlimmer als das Interview ist die Nachberichterstattung in den Zeitungen heute. Da wird viel reflektiert, dass Interviews in Printmedien nachträglich durch Autorisierung glattgebügelt werden und dass  das im TV nicht möglich wäre. Letzteres ist schon nur teilweise richtig, denn auch TV-Interviews werden geschnitten, kommentiert, in anderen Content eingebettet.

Dem ganzen die Krone aufgesetzt hat aber die Süddeutsche heute, die schreibt:

Bei Interviews in Printmedien haben die Politiker weitreichende Möglichkeiten zur Korrektur, weil ihnen der gedruckte Wortlaut zur Autorisierung vorgelegt werden muss. Was danach zurückkommt, erinnert oft nur noch entfernt an den zuvor gesprochenen Wortlaut.
(Quelle: Süddeutsche, 14.7.2009, Seite 13: “Gift und Galle”)

Ganz abseits von Frey und Lafontaine lässt das tief blicken, wie man in München Blatt macht. Es stimmt nämlich mitnichten, dass Interviews zur Autorisierung vorgelgt werden müssen. Im Gegenteil. Die Redaktionen legen die Interviews meist freiwillig zur Autorisierung vor und schlucken bereitwillig jede Änderung, die man ihnen vorschlägt. Ob man das Spiel aber tatsächlich mitspielt, oder auf das eine oder andere Interview verzichtet, ist eine ganz andere Frage. Nämlich eine Frage an den Anspruch, den ein Blatt daran hat, was es seinen Leserinnen und Lesern verkauft. Und wenn die Süddeutsche nun quasi zugibt, alle Interviews autorisieren zu lassen und den Lesern dann eine Pampe verkauft, die mit dem tatsächlich geführten Interview nichts zu tun hat, dann ist das vor allem ein Problem der Süddeutschen selbst und symptomatisch für das, was heute als “journalistische Qualität” behauptet wird.

Das schlimme an dieser, man muss sagen: Arschlosigkeit der meisten Journalisten ist die Selbstzensur, der sie sich ausliefern und die schlimmer ist als staatliche Zensur. Gegen letztere kann man kämpfen. Erstere ist selbstverursacht. Vielleicht, weil man sich so wohl dabei fühlt, die Grenze zwischen Beobachter und Akteur verwischen zu lassen und mal mit den Wichtigen des Landes gemeinsam an einen Baum zu pinkeln.

Dass es auch anders geht, zeigt beispielsweise das Magazin “Hinz und Kunzt”:

Ich lasse mir Interviews nur in Ausnahmefällen zur Autorisierung vorlegen: Wenn die Faktenlage besonders kompliziert ist und ich Zahlen nachprüfen will. Oder wenn ich in der Vergangenheit schon Mal schlechte Erfahrungen mit dem konkreten Journalisten gemacht habe. Trotzdem – und das, obwohl ich alles andere als ein Spitzenpolitiker bin – bekomme ich regelmäßig angeboten, die Interviews zur Autorisierung vorab zu bekommen. Eine Versuchung, der man erstmal widerstehen muss.

Eins doch noch zum Thema Lafontaine: Das Interview war bestimmt nicht vorab autorisiert. Gerade deshalb war es ja auch spannend. Aber trotzdem war es mieser Kampagnenjournalismus meilenweit unter der Gürtellinie. Wir werden das bald vergleichen können.

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Im Westen nichts Neues

27. Mai 2009
stopds

Foto: Ralf Skiba (cc-by-nc)

Ich habe eben einen sehr interessanten Zufallsfund gemacht, der mich sicher noch viel Zeit kosten wird: Die Bundeszentrale für politische Bildung und die Deutsche Kinemathek haben unter dem Titel “Wir waren so frei” ein Fotoarchiv gestartet, das Fotos zeigt, die von Privatpersonen in den Wendejahren 1989/1990 gemacht wurden. Großartig, sich da durchzuklicken, vor allem als Berliner mit hessischem Migrationshintergrund, der inzwischen so ossifiziert ist, dass er sich neulich erwischte, wie er “Kaufhalle” sagte.

Als ich mich eben ein wenig durch die vielen beeindruckenden Fotos klickte, bin ich an Aufnahmen aus dem Wahljahr 1990 hängen geblieben. Erst habe ich mich über die PDS-Plakate amüsiert, die teils so unglaublich piefig waren wie die SED, teils aber auch ein bemerkenswertes Niveau der – damals sicher dringend nötigen – Selbstreflexion leisteten. Nicht minder spannend ist ein Plakat des “Demokratischen Aufbruch (DA)”, der später in das konservative Wahlbündnis “Allianz für Deutschland” mit CDU und DSU einstieg. Ein großes Stoppschild, schlicht, rot und fett warnt vor der roten Gefahr im Osten. Das Plakat löste fast soetwas wie einen mentalen Schluckauf aus – ihr kennt das, wenn sich zwei spontane Eindrücke gleichzeitig den Weg vom Rückenmark ins Gehirn bahnen wollen. Dass die CDU nämlich seit 20 Jahren die selbe Leier fährt mit verschiedenen Variaten der Rote-Socken-Kampagne, war mir klar. Aber dass selbst Zensursula von der Leyen sich mit ihrem Kinderporno-Stoppschild visuell im Jahr 1990 bedient – damit hätte ich nicht gerechnet. Als Ossi h.c. ist mir jetzt aber klar, was die anderen Ossis mit “Im Westen nichts Neues” meinen.

Übrigens sind die meisten Fotos auf “Wir waren so frei” mit einer CC-Lizenz versehen.

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