Üblicherweise läuft die Angelegenheit so ab: Politiker versucht irgendwas cooles mit Blogs, Twitter oder Facebook zu machen. Das klappt nicht, weil der Politiker auf diesen Plattformen das macht, was er sonst auch macht: Er gibt gestelzte Presseerklärungen ab. Oder aber er verstellt sich bis zur Unkenntlichkeit, was fortgesetzte Blamagen zur Folge hat. Vor allem Hubertus Heil kennt das Problem. In Folge der ganzen Angelegenheit regen sich dann alle Blogger, Twitterer und Facebook-Kiddies über den Politiker auf, der ja voll doof ist, das Medium nicht verstanden hat und überhaupt: Diese Politiker nehmen niemanden ernst, denken nur an den Wahlkampf undsoweiter.
Das ganze geht aber auch andersrum:
Nicole Simon nennt sich “Twitter-Spezialistin”. Als solche hat sie mit ihren Freunden sogar ein Buch über ihre Profession geschrieben. Weil Nicole Simon aber nicht nur eine “Twitter-Spezialistin” ist, sondern auch ein voll krass cooles web-zwo-nullisches Kompetenzzentrum, betreibt sie auch ein Blog. Und zwar ein Blog zu ihrem Buch. Ihr ahnt den Titel des Buches. “Twitter. Mit 140 Zeichen zum Web 2.0″. Echt cool. Nicole Simon führt auf ihrem Blog eine Liste “Deutsche Politiker und Parteien auf Twitter“. Da sind eine Menge Twitterer aufgelistet. Von allen Parteien und ihren Politikern. Von CDU, CSU, FDP, SPD und Grünen. Ach, Moment. Fehlt eine? Ja, mindestens. DIE LINKE findet sich in der Liste nicht. Klar, Nicole Simon ist ja auch Twitter-Spezialistin. Da muss sie vom Parteiensystem keine Ahung haben. Die Polit-Community war verständnisvoll. DIE LINKE hat es erst gar nicht gemerkt, dann hat sich eine Lili dort in den Kommentaren zu Wort gemeldet und auf DIE LINKE hingewiesen.
Nicole Simon reagierte am nächsten Tag empört. Die User sind Schuld:
Mich würde eher umhauen das es mit dem Verstehen von Text nicht so weit bestellt sein kann. Wir sind hier bei “wer schreiben kann, kann auch lesen” – wie oben, noch vor dem Beginn der Liste, zu lesen ist: “Fehlt jemand? Hier kann man sich eintragen bzw. Daten ergänzen.”
Inzwischen habe auch ich das tolle Blog von Nicole Simon, der “Twitter-Spezialistin” entdeckt und über das oben zitierte Formular den Twitter-Account von Halina Wawzyniak, der stellvertretenden Bundesvorsitzenden der LINKEN, vorgeschlagen. In die Liste ist er dadurch freilich nicht gekommen, denn
Die Linke ‘fehlen’ genauso wie alle anderen Twitteraccounts die sich noch nicht gemeldet haben bzw deren Accounts nicht als solche erkennbar sind. Um bei dem Beispiel zu bleiben: ich habe just einen Eintrag von http://twitter.com/halina_waw erhalten, wo nichts auf dem Profil dafür spricht, das hier eine Politikerin ‘offiziell’ twittert. Solche Profile liste ich auch bei allen anderen Parteien nur, wenn ich einen entsprechenden Eintrag dieser Person habe oder zum Beispiel durch den angegebenen Link nachvollziehen kann was diese Person ist oder macht. (Quelle: Nicole Simon in den Kommentaren zu o.g. Beitrag)
Das ist natürlich Unsinn, denn Halina hat ihe URL angegeben und ich habe in dem Meldeformular alles erläutert – und mit meiner dienstlichen E-Mailadresse versehen. Eine Reaktion habe ich nicht erhalten. Transparente Kommunikation wäre auch zu viel verlangt für so eine coole web-zwonullische “Twitter-Expertin”. Also habe ich mir flugs Halinas Account vorgenommen, etwas aufgehübscht, die Bio ergänzt, Logo reingepackt, roten Hintergrund, einen Hinweis bei Nicole Simon in den Kommentaren gepostet. Keine Reaktion. Inzwischen regen sich dort auch alle möglichen anderen User auf. Nicole Simon reagiert etwa so souverän wie Sebastian “Was soll der Scheiß” Edathy, verweist auf das Meldeformular (mit dem es aber offenkundig unmöglich ist, sich anzumelden).
Gestern habe ich dann aufgeschnappt, dass jemand anders dort versucht hat, meine Twitter-URL zu melden und direkt eine Abfuhr erhielt, weil man irgendwelche dödeligen Mitarbeiter der LINKEN nicht listen würde. Ich bin nicht eitel genug, um darauf hinzuweisen, dass ich Mitglied des Bundesausschusses der LINKEN bin und überdies sozusagen offiziell aus dem WahlQuartier der LINKEN twittere. Und ich prüfe die gelsiteten Feeds einfach mal nicht darauf, ob dort überall die harten Kriterien eingehalten sind.
Ich nehme einfach nur hin, dass Dieter Wiefelspütz und Nicole Simon Gemeinsamkeiten haben: Sie mögen offenbar DIE LINKE nicht, reagieren unwirsch auf Hinweise und pampig auf Kritik, lassen keine Transparenz walten, können keine Fehler zugeben und erst Recht nicht korrigieren. Von Professionalität fange ich gar nicht erst an, obwohl mir schon gerade der Gedanke kommt, dass Markus Beckedahl eventuell das Blog von Nicole Simon als Datenbasis für seine tollen Web 2.0-”Studien” verwendet.
So schließe ich mit der Feststellung und dem Appell: Wenn Blogger, Twitterer oder wenigsens Nicole Simon mit dem, was sie tun, ernst genommen werden wollen, dann müssen sie wenigstens die Grundregeln lernen und begreifen, die in dem Geschäft gelten. Erst Recht dann, wenn man behauptet, eine Liste von Politik-Twitterern zu führen. Nachhilfe können zum Beispiel die Senioren meiner Bezirksorganisation sicher gerne geben.
Disclosure: Ich leite den Bereich “Redaktion, Online, Events” im WahlQuartier der LINKEN