Es gibt wohl Zoff im Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung, der wissentlich überhöhte Teilnehmerzahlen der Demo vom vergangenen Samstag kommuniziert. Einerseits überrascht das wenig, denn Veranstalter von Demonstrationen sehen die Teilnehmerzahlen immer wesentlich optimistischer, als sie tatsächlich sind. Das weiß jeder und kalkuliert jeder mit ein. Allein die Qualität, die realistisch anzunehmende Zahl von 20.000 Teilnehmern zu verfünffachen hat schon eine gewisse Qualität der Dreistigkeit und erinnert irgendwie an die Praktiken der MLPD oder anderer Splittergruppen. Ich finde die Taktik zwar relativ tumb, weil man die eigene Glaubwürdigkeit erschüttert und der Sache so sicher einen Bärendienst erweist (vor allem wenn man so offenkundig dreist lügt und das auch noch auf Mailinglisten öffentlich diskutiert). Zudem muss man sich nicht verstecken, wenn man mit einem Thema, das als relatives Nischenthema verstanden wird, 15.000 oder 20.000 Menschen für eine Demo mobilisiert.
Das gilt vor allem vor dem Hintergrund, dass die Art und Weise, wie die Veranstaltung praktisch ablief, an Ideenlosigkeit kaum zu übertreffen ist. Ich dachte teilweise, dass ich mich auf einer Gewerkschaftsdemo befinde, die seit den 70er Jahren nach dem immer gleichen Muster ablaufen. Da wird was zu Grabe getragen und ein hilfloser Einheizer versucht, die Massen mit tollen Parolen wie “Speicherung kastriert Mein Recht, deshalb ist sie ungerecht” zum Mitgröhlen zu animieren. Das war etwa so erfolgreich wie Hubertus Heils “No we can’t“. Ist aber alles nicht so schlimm. Vielleicht bin ich bei solchen Dingen etwas abgestumpft, weil ich sowas seit Jahren in allen politischen Zusammenhängen, in denen ich tätig war erlebt habe und die Welt davon nicht unter geht. Mein frommer Wunsch ist lediglich, dass der AK Vorrat sich nicht weiter boulevardisiert und wieder mehr kluge Ideen statt aktionistischer Einfälle verfolgt.
Was mich wiedermal richtig ärgert, ist dieser unsägliche Typ von netzpolitik.org. Der ist ja ohnehin nicht nur ein Freund der Grünen (die Schilys Sicherheitspakete, das Luftsicherheitsgesetz usw. mitgetragen haben), sondern vor allem auch der Superlative. In seiner umstrittenen “Studie” zu Politik im Web 2.0 ernennt er sich mal eben selbst zu “Deutschlands bekanntestem politischen Blogger” und bejubelt in seinem Bericht zu besagter Demo die 50.000 bis 100.000 Teilnehmer, einen Erfolg, den so niemand geahnt hätte. Was nicht stimmt, weil die Teilnehmerzahl der Demo ziemlich exakt den Erwartungen entspricht. Ob es damit die größte Datenschutzdemo war, sei dahin gestellt. Das kann sein oder auch nicht. Wen interessiert das?
Warum rege ich mich darüber auf? Weil Beckedahl in der letzten Zeit vermehrt negativ auffällt. Sei es durch diese ominäse “Studie”, sei es dadurch, dass er – ansich löblich – immer wieder bürgerrechtspolitische Themen aufgreift, dabei aber jeden halbwegs neutralen Standpunkt missen lässt, sondern mit beachtlicher Dreistigkeit seine Auftraggeberin, die Grüne Bundespartei, hochjubelt. Und alle schlucken das, ohne sich zu mokieren. Das treibt wirklich meine Blutdruck.











[...] Eine tumbe TaktikLetztmalig zu dem, was da am Wochenende passiert ist und sich Freiheit statt Angst nannte… [...]
Ich habe das bei Burks auch schon geschrieben, hier daher nochmal zusammengefasst:
Zu den Zahlen:
1) Die Einsatzleitung der Polizei hat mehrfach gegenüber der Demo-Leitung unter Zeugen bestätigt, dass bei der Abschlusskundgebung mehr als 50.000 Leute waren.
2) Die Zahl von 100.000 Teilnehmern ist eine grobe Schätzung.
3) Sie basiert auf Erfahrungen mit anderen Demos am selben Ort, auf Vergleichen mit dem Public Viewing am selben Ort und auf Versuchen, die Zahl von der Bühne aus grob abzuschätzen.
4) Die Zahl ist nicht nur von padeluun gekommen, sondern wurde vorher mit Ricardo Cristof Remmert-Fontes und dem gesamten Presseteam abgestimmt.
5) Ich bin außerdem gebeten worden, diese Stellungnahme von Michel Blumenstein, der die Ordner koordiniert hat, zu posten:
“ich habe mir die mühe gemacht und eben genau die demonstraten in einer reihe durchgezählt und bin auf 40 – 50 pro m gekommen. wie es hinten aussah kann ich nicht sagen, jedoch waren es weit mehr als zehn. bei 1,5 – 2km länge der demonstration kommt man dann auf wieviele demoteilnehmer?”
Persönliche Anmerkung: Freiwillige Teilnehmer-Zähler und andere Helfer sind immer gern gesehen. Die beiden mit technischen Hilfen ausgestatteten Zähl-Teams des FoeBuD haben übrigens bei 20.000 aufgegeben, weil ihre Daumen schlapp gemacht haben…
Full Disclosure: Ich schreibe auch bei netzpolitik.org, war aber nie Mitglied einer Partei und habe auch nicht vor, das zu ändern.
Nach Auswertung einer Vielzahl an Fotos und einer sehr konservativen Teilnehmerschätzung (4 Personen pro qm) ist man auch mit Hilfe maßstabsgetreuer Karten zu einem Ergebnis gelangt. Es waren rund 68.000 Teilnehmer in Berlin auf der Straße. Es waren zwar nicht 100.000 aber immer noch wesentlich mehr als die bereits geschätzten 50.000.
Dein erhitztes Gemüt über die divergierenden Teilnehmerschätzungen kann sich damit also wieder abkühlen. Nicht ganz klar ist mir aber wieso die Polizei offiziell nach wie vor von lediglich 15.000 Teilnehmern sprach, während sie informell von mindestens 50.000 ausging. So etwas von einer offiziellen (zur Wahrheit verpflichteten) staatlichen Einrichtung ist eigentlich ein viel schlimmerer Skandal als die wagen Schätzungen Einzelner Aktivisten. Komisch nur dass du dich darüber nicht aufregst.
@All:
Hallo also auch hier,
ich war auch wieder dabei. Da ich aus meinem letzten “Erlebnis” eine stark kritisierte Kritik ableitete (siehe hier >http://www.ciez.de/ciez-default/autor_mk_1.html<), habe ich mir dieses Mal ein wenig mehr Mühe gemacht. Zum Einen brachte ich einen gänzlich unbefangenen Zeugen aus dem DGB Umfeld mit der schon seit Jahrzehnten Demonstrationen und Werksstreiks (mit)organisierte, und zum Anderen sind wir “von Hinten, über die Mitte zur Spitze” des Demonstrationszuges gegangen.
Von uns bekommt die AK-Vorrat in Sachen “positives Erscheinungsbild” diesmal eine glatte 2. Über Reden und Redner in meinem Artikel deutlich mehr, nach der juristischen Prüfung der propagandistischen, teils persönlich polemischen Äußerungen (was ich persönlich für absolut indiskutabel halte).
Tja, und was die Menge angeht…
20.000 und nicht Einer mehr (Beweisfotos werde ich demnächst veröffentlichen. Wer sie als CD bzw. incl. DVD zugesandt bekommen möchte kann ja Kontakt aufnehmen, da findet sich dann schon ein Weg)
Derweil zu den Linden, der Strecke etc.:
An keine Stelle war die Strecke breiter als 10 Meter. Es war ja auch nur eine Seite der Linden gesperrt, und dort auch nur die Fahrspuren (3 x 280 cm ist = ?). Als es dann zum 17′ten ging lockerte es sich extrem auf (Beweisfotos).
Die von mir befragten Journalisten(Kameramänner) in der Menge, gaben mir gegenüber auch diese Zahl an +/- 10 %.
Gruß
Separate Nachfrage an KAI KÖNIG:
Bei 4 Menschen pro qm sprechen Profis von einer gefährlichen Ansammlung! Wir nehmen einen Holzgliedermaßstab, legen diesen auf den Boden ziehen eine Linie von einem Ende zur Mitte (also nicht bis zum anderen Ende). Das ist 1 (ein) Meter.
Derweil widerspricht diese Aussage einer mir bekannten Erklärung, nach der ein Zeuge während der Reden -an der Bühne stehend- in aller Ruhe – absolut unbehindert von Massenhaft Menschen- zur Toilette gehen und an seinen alten Platz zurückkehren konnte.
Was soll der Propagandamist?