Betr. Sarrazin-Rücktritt

Der Landesparteitag der LINKEN Berlin naht. Fristgerecht habe ich den folgenden Antrag eingereicht, der den Rücktritt Thilo Sarrazins fordert:
Antrag an den Landesparteitag der LINKEN Berlin
Der Landesparteitag der LINKEN Berlin beschließt:
1. Der Landesparteitag der Partei DIE LINKE Berlin missbilligt die wiederholten polemischen und zynischen Äußerungen des Finanzsenators Thilo Sarrazin u.a. über Arbeitslose oder Beschäftigte des Öffentlichen Dienstes.
2. Der Landesparteitag der Partei DIE LINKE Berlin bedauert, dass die durch den Finanzsenator wiederholten Aussagen immer wieder der Eindruck sozialer Kälte der rot-roten Koalition entsteht, von dem sich Politikerinnen und Politiker der LINKEN, aber auch des Koalitionspartners SPD distanzieren müssen.
3. Der Landesparteitag der Partei DIE LINKE Berlin ist der Auffassung, dass weitere verbale Entgleisungen des Finanzsenators verhindert werden müssen. Der Landesparteitag der Partei DIE LINKE Berlin fordert Thilo Sarrazin daher auf, von seinem Amt als Finanzsenator zurückzutreten.
Begründung
Thilo Sarrazin fällt immer wieder durch polarisierende, polemische und von der Mehrheit der Menschen als zynisch empfundene Äußerungen auf – sei es zu Beschäftigten im öffentlichen Dienst, zu Arbeitslosen, zu Lehrerinnen und Lehrern:
- Der Finanzsenator stellte einen Speiseplan für Hartz IV-Empfänger/innen auf und veröffentlichte ihn. Ziel der Aktion war der Nachweis, dass man von gut vier Euro täglich problemlos über die Runden käme.
- Bedienstete des Landes Berlin mussten sich gefallen lassen, von Thilo Sarrazin als „bleich und übelriechend” beschimpft zu werden.
- Den Mindestlohn attackierte der Finanzsenator mit dem Hinweis, dass er auch für fünf Euro die Stunde arbeiten würde, das seien immerhin 40 Euro am Tag.
- Menschen, deren Einkommen zur Bezahlung der rasant steigenden Energiepreise nicht ausreicht, empfahl der Finanzsenator, einen warmen Pullover anzuziehen.
- Berliner Schülern warf der Finanzsenator vor, sie könnten mit Abschluss weniger, als bayerische Schüler ohne Abschluss.
- Angesichts einer Studie, die feststellte, dass immer mehr Kinder von Hartz IV-Empfängern hungrig in die Schule kommen, meinte der Finanzsenator mitteilen zu müssen, dass Untergewicht das kleinste Problem von Arbeitslosen sei.
Diese Auflistung ist nicht vollständig, spricht aber eigentlich schon für sich. All diese Äußerungen fanden breite Kritik in der Stadt. DIE LINKE hat in vielen Erklärungen die Ausfälle des Finanzsenators immer wieder scharf kritisiert und sich von ihrem Inhalt distanziert. Auch aus den Reihen der SPD wurde Kritik laut. So soll der Regierende Bürgermeister zahlreiche „Anleitungsgespräche” mit seinem Finanzsenator geführt haben – ohne Erfolg. Am 19. Juni 2008 berichtet der Tagesspiegel, dass aus den Reihen der SPD sogar Rücktrittsforderungen laut wurden, als Thilo Sarrazin den Mindestlohn attackierte.
Damals zeigte sich Thilo Sarrazin glaubwürdig zerknirscht und gelobte, künftig auf seine Wortwahl zu achten. Der Vorsatz hielt jedoch nur wenige Wochen, bis die Pullover-Äußerung kam.
Es ist daher davon auszugehen, dass der Finanzsenator auch künftig nicht in der Lage sein wird, sein Mundwerk in den Griff zu bekommen.
Berlin ist eine Stadt, in der trotz aller Reformbemühungen und auch aller Fortschritte, die erreicht werden konnten, prekäre Beschäftigung boomt, die eine extrem hohe Arbeitslosigkeit hat, in der soziale Gegensätze herrschen. Der Senat ist gezwungen, die finanziellen Lasten, die durch die große Koalition aus CDU und SPD verursacht wurden, zu beseitigen. Das führte in den letzten Jahren zu schmerzhaften Einschnitten und Einzelentscheidungen, die teilweise schwierig nachvollziehbar sind.
Vor diesem Hintergrund ist ein Finanzsenator, der die Bemühungen der Koalition, mit Augenmaß zu sparen und die soziale Balance der Stadt zu wahren, torpediert, nicht akzeptabel. Zwar spricht Thilo Sarrazin nicht formal für den rot-roten Senat. Jedoch werden seine Äußerungen von den Medien gerne aufgegriffen und damit von den Bürgerinnen und Bürgern zur Kenntnis genommen. Damit konterkariert der Finanzsenator alles, wofür vor allem die Politik der LINKEN in dieser Stadt steht. Dies ist nicht akzeptabel, da DIE LINKE und ihr Koalitionspartner in Haftung für den Finanzsenator genommen werden, der beständig ein Zerrbild Berliner Politik darstellt. Die SPD muss mit ihrem Problem Sarrazin selbst fertig werden. DIE LINKE muss diesen Klotz an ihrem Bein nicht akzeptieren.
Die Botschaft der LINKEN muss sein, dass Menschen, die von Armut betroffen oder bedroht sind mit der LINKEN einen Partner haben, der nicht akzeptiert, dass ein Senator von hohen Ross herab in menschenverachtender und zynischer Art und Weise auf die schwächsten Glieder der Gesellschaft einprügelt. Leider hat der Landesvorstand in seinen Erklärungen ein so deutliches Signal nicht setzen können. Es sollte daher von diesem Landesparteitag kommen.

das klingt nach einem krokodilstränen antrag – wer sich mit der spd in ein koalitonsbett legt, muss auch das schnarchen eines sarazzin aushalten, quasi eine personifizierte agenda 2010. praktisch ist ja auch, dass das “bedauern” von dem “eindruck der sozialen kälte” außer antragspapier und zeit nichts kostet. schön auch: “trotz aller reformbemühung” “boomt” die “prekären Beschäftigungen”. dann reformiert doch einfach noch n bischen weiter.
Genau. Lieber nicht koalieren, CDU und SPD regieren lassen, vielleicht privatisieren die Grünen zwischendurch noch die BVG, dann haben die Linken immerhin ein gutes Gewissen. Davon hat niemand was. Außer die mit dem guten Gewissen.
Ich dachte die Senatoren der Linkspartei sollen aufgefordert werden die Rücktrittsforderung zu unterstützen.
Ja, ursprünglich dachte ich auch, dass das eine sinnvolle Vorgehensweise ist. Jedoch gehe ich inzwischen davon aus, dass es hilfreicher für einen entsprechenden Beschluss ist, wenn man eine solche Formulierung nicht wählt. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen kann es unterschiedliche Wege zum Ziel geben. Eine Vorfestlegung wäre dann nicht so hilfreich. Zum anderen relativ verbreitet die Auffassung, dass es wenig sinnvoll ist, die Senatoren zu irgendwas aufzufordern, zumal es Gang und Gäbe ist, dass die Parteitagsbeschlüsse eingehalten werden (ich erinnere mal an den Beschluss, nach dem die damalige PDS auf ihrem Landesparteitag Flierls Studienkontenmodell abgelehnt hatte. Es kam, wie wir inzwischen wissen, tatsächlich nicht, weil Flierl sich an den Beschluss gehalten hatte. Deshalb ist berlin studiengebührenfrei).
Schließlich würde eine Aufforderung weitere Spielräume einschränken, was nicht im Sinn der Sache sein kann.
Die Message ist hingegen klar und deutlich. Und wenn der Beschluss entsprechend gefällt wird, dann kann und muss man damit weiterarbeiten. Es ist ja leider nicht so, dass man irgendwas beschließt und dann passiert das automatisch. Viel mehr beginnt ein politischer Prozess.
ich möchte auch nochmal daran erinnern, dass senatoren durch den regierenden ernannt werden. insofern wüsste ich nicht, wozu die senatorInnen eigentlich aufgefordert werden sollen…
davon abgesehen, sind m.E. zwei der drei SenatorInnen LPT-Delegierte, oder? weiß ich nicht genau…
Ist sicherlich ein löbliches vorhaben, den zirkus sarrazyni zu beenden, wird zeit!
Aber: Welche komfortable wärmestube soll ich denn den h4lern, die sich das heizen in den kommenden kältperioden nicht leisten können, empfehlen, wenn nicht das finanzsenatorium des sarrazynikers?
Tut mir leid dies schreiben zu müssen, aber frau Knake-Werner und herr Wolf gehören genau so abgesägt. Ich sehe nicht, daß die sich für die interessen ihrer wähler einsetzen würden.
Naja, Heidi Knake-Werner hat zum Beispiel immerhin den ÖBS geschaffen, der viele Arbeitsplätze mit tariflicher Bezahlung bringt. Oder dafür gesorgt, dass das Sozialticket wieder eingeführt wurde. So schlecht finde ich das nicht.
Hallo Mark,
man kann auch einen dampfenden misthaufen schön finden, wenn man sich einredet, er wäre eine blumenwiese im frühnebel. Selbstverständlich ist es gut, daß es in Berlin wieder eine sozialkarte gibt, ohne die wäre h4empfängern mobilität nicht möglich. Aber man darf nicht leugnen, daß die sozialkarte 33,50 kostet. Das sind 9,5 % des regelsatzes.
Was ist ÖBS? Ein beschäftigungsprogramm, das aus EUmitteln bezahlt wird. Erst hat derselbe rot-rote senat BAT-bezahlte stellen gestrichen, um dann die gleichen arbeiten auf billigbasis aus EUmitteln erledigen zu lassen. »Tariflohn« klingt natürlich für das ungeübte ohr immer prima, ebenso wie »sozialversicherungspflichtige beschäftigung«, da fällt es leicht, eine auf diese art schöngerechnete statistik zu loben.
Gefördert werden dadurch privatunternehmen (ich gehe davon aus, daß ABM ebenfalls in den öffentlich geförderten beschäftigungssektor fällt), die sich darauf spezialisiert haben, derartige öffentliche aufträge durchzuführen. In diesem Sektor arbeiten teilweise hochqualifizierte für unter 7,50. Tarifliche urlaubsregelungen und dergleichen gelten nicht. Es mag sein, daß in einzelfällen minderqualifizierten zu einer beruflichen perspektive verholfen wird. Für die meisten ist das eine qualifikationsentwertung.
Häufig wird die zuweisung einer solchen stelle als demütigung empfunden, weil es keine möglichkeit gibt, sie wegen schlechter bezahlung, langer anfahrtswege, aus ethischen gründen oder weil man mit den kollegen nicht klarkommt, abzulehnen.
lg
mm
Lieber Mark, ich hatte echt nicht gedacht, dass Du den Antrag stellst. Die Punkte 1 und 2 Deines Antrages hat doch der Geschäftsführende Landesvorstand längst im Sommer kommuniziert. Der Landesvorstand hat immer auf Sarazin reagiert.
Punkt 3 stärkt den Finanzsenator den Rücken. Was denkst Du denn, wass die SPD macht, die Reihen werden sich in der Arbeiterpartei schließen und man wird sich an unseren Leuten schadlos halten. Insofern geht der Antrag nach hinten los, egal ob er beschlossen wird oder nicht.
Eigentlich geht es auf den Parteitag um die Bezirke. Da haben Leute wochenlang daran gearbeitet.
Das wird aber keinen mehr interessieren. Die zwei Zeilen Meldung im Kurier wird Sarazin sein. Und er wird sich sich darin sonnen.