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Spreeufer für alle (die genug Geld für ein 3-Euro-Bier haben, auf der Gästeliste stehen und auch sonst nicht weiter auffallen)!

Eine Mehrheit der Wähler, die neulich an dem Bürgerentscheid “Spreeufer für alle” teilgenommen haben, haben sich gegen die Planungen der BVV ausgesprochen und stattdessen für den alternativen Entwurf des Bürgerbegehrens gestimmt. Das kritisiere ich aus diversen Gründen, muss aber damit leben. Ein – nachvollziehbarer – Grund war, dass das Spreeufer nicht für die Bürogebäude von Investoren da sein soll, sondern für alle als öffentlicher Raum, der nicht kommerziellen Interessen vorbehalten ist. Ins Feld geführt wurden dabei auch immer diverse Projekte der Zwischennutzung wie die beiden Strandbars “Bar 25″ und der benachbarte “Holzmarkt 24″.

Am vergangenen Donnerstag nun hatte ich die beiden Lokalitäten erstmals besucht und ein eindrucksvolles Bild davon erhalten, was man sich so unter “Spreeufer für alle” vorzustellen hat. Zumindest am Holzmarkt 24 und 25. Zuerst wollte ich in die Bar 25, wo einige Kumpels auf mich warteten. Das Gelände der Strandbar ist von einer trist-grauen hohen Mauer umgeben. Die obere Kante der Mauer ist mit Nato-Draht gesichert. Wahrscheinlich, damit alle rein kommen, die wollen. An der Eingangstür drängelten sich schon zahlreiche Leute an dem Absperrgitter, wie ich es sonst nur aus dem Regierungsviertel kenne, wenn Bush oder so zu Besuch kommen. “Sicherheit muss sein”, dachte ich mir. Nicht dass irgendein Banker sich ans Spreeufer für alle einschmuggelt. Aber nein. An der Tür standen zwei Leute mit einer Gästeliste und sortierten, wer rein darf und wer nicht. Nur dank der Überredungskünste von Frank (schon drinnen) und weil es noch nicht allzu spät war, hatte die Tür ein Herz und ließ mich rein. Zwischenfazit: Spreeufer für alle heißt Spreeufer für alle, die auf der Gästeliste stehen.

Drinnen war es eigentlich recht nett. Wären da nicht all die Gäste gewesen. Ich habe selten – nicht mal zu meiner Frankfurter Zeit im Bankenviertel zur Mittagspause – so viele Besser- und Bestverdienende, Yuppies, Schleimer und Schwaben auf einem Haufen gesehen, wie in der Bar 25 an diesem Abend. Aber man kann sich die Leute ja auch angenehm trinken. In der Bar 25 braucht man dazu allerdings viel Geld. Das kleine Bier (0,33) kostet drei Euro und liegt damit nahe des grotesken Preisniveaus von alternativen Kneipenprojekten wie dem Einstein Unter den Linden. Spreeufer für alle – die auf der Gästeliste stehen und es sich leisten können, drei Euro für ein kleines Bier zu zahlen.

Ich wollte ohnehin nicht allzulange bleiben und nur zwei oder drei Bier trinken. Die unfreundliche Bedienung an der Theke, die hohen Preise und das Publikum kann man dann mal akzeptieren, schließlich war meine Begleitung nett. Aber noch nicht vollzählig. Lars, der eine Stunde nach mir kam, scheiterte an der Gästeliste und der mittlerweile kapitalen Traube vor der Tür. An der Theke brach einstweilen Panik aus, weil die Bionade zur Neige ging, einzelne Ladies in Seidenkostümchen und mit Haarbändern geschmückt, trösteten sich mit einem Prosecco auf Eis. Weil wir Lars und auch Dominic, der noch fehlte, nicht ausschließen wollten, entschieden wir uns, in eine andere Kneipe umzuziehen. Ich schnappte meine halb leere Bierflasche und machte mich auf den Weg zum Ausgang. Rauskommen ist fast so schwer wie reinkommen. Ich durfte mein Bier nicht mitnehmen. Auf die Frage, ob die 8 Cent Pfand noch extra bezahlen soll, informierte mich der ruppige Türsteher, dass zehn Prozent der Gäste der Bar 25 Asoziale seien, die die Bierflaschen draußen auf den Boden werfen. Ich trank an der Tür aus und war froh, draußen zu sein. Spreeufer für alle – die auf der Gästeliste stehen und es sich leisten können, drei Euro für ein kleines Bier zu zahlen und zudem zu 10 Prozent asozial sind.

Aus Praktikabilitätsgründen entschieden wir uns, nach nebenan in den Holzmarkt 24, eine andere Strandbar, zu gehen. Auch dort: Stacheldraht auf einer hohen Mauer. Gleich am Eingang wies ein Schild darauf hin, dass das Mitbringen von eigenen Speisen und Getränken verboten sei und dass Taschenkontrollen stattfinden würden. Auch hier: Drei Euro für ein kleines Bier. Spreeufer für alle – die auf der Gästeliste stehen und es sich leisten können, drei Euro für ein kleines Bier zu zahlen und zudem zu 10 Prozent asozial sind, die Fremdnahrungsmittel ablehnen und sich von privater Security in die Tasche kucken lassen.

Spreeufer für alle, wie die es sich vorstellen, heißt also, dass dem Kommerz bis ins letzte der Weg geebnet wird bis hin zu Gästelisten, Mauern, Stacheldraht und Taschenkontrollen. Spreeufer für alle heißt, dass die, die es sich leisten können, dabei sind. Und die, die obendrein noch auf der Gästeliste stehen. Wer nicht passt, ist asozial, wird ausgegrenzt und ausgesperrt. Wer nicht konsumiert, hat am Spreeufer für alle nichts zu suchen. Und wer nicht in die Welt der großen Sonnenbrillen und Goa-Girls passt, erst recht nicht.

Im Vergleich zu dem stellten die Initiatoren des Bürgerbegehrens die Planung des Bezirks, die beispielsweise einen zehn Meter breiten, für alle offenen Uferwanderweg vorsah, als Ausgeburt des kalten Kapitalismus dar. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass eine Minderheit mit partikularem Interesse per Bürgerentscheit die Definitionshoheit darüber an sich gezogen hat, was “Spreeufer für alle” ist – nämlich man selbst. Kein Wunder, dass dem Vernehmen nach die Betreiber der Strandbars das Bürgerbegehren mit stattlichen Beträgen beglückten. Da werden Erinnerungen an die intransparente Einnahmenpraxis der ICAT, die sich für den Weiterbetrieb des Flughafens Tempelhof einsetzte, wach.

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