Innenpolitik, Bürgerrechte, Datenschutz, Medien
Dezember 6th, 2007

Im Winterloch

Man merkt überdeutlich, dass die nachrichtenarme Zeit nicht nur vor der Tür steht, sondern längst angebrochen ist. Bei uns im Büro dudelt im Hintergrund immer n-tv. Gestern waren die Nachrichten dahingehend beeindruckend, dass man sich über Stunden live anschauen konnte, wie Knut, der verlauste Eisbär, Gemüse fraß. Richtige Nachrichten scheint es nicht zu geben. Mein Kollege meinte schon, dass ich Fernsehteams anrufen soll, die könnten ihn filmen, wie er sich präventiv über den Gewinn des Jackpots freute. Wäre auf jeden Fall interessanter, als Knut beim Gemüsefressen zuzuschauen.

Auch die stellvertretende Vorsitzende meiner Partei, Katina Schubert, nutzt das Winterloch, um mit abenteuerlichen Vorschlägen Tickermeldungen zu generieren. Katina verklagt nämlich Wikipedia wegen der Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole. Laut der Nachrichtenagentur AP will sie damit verhindern, dass “über das rechtlich geschützte Maß hinaus” aus NS-Qellen zitiert wird. Selbstverständlich will Katina dabei die offene Struktur der Enzyklopädie beibehalten. Allein, wie das bewerkstelligt werden soll, verschweigt sie. Kein Wunder, denn eine offene Enzyklopädie schließt übergeordnete Kontroll- und Zensurinstanzen im Prinzip aus. Ich halte den Vorschlag allein dahingehend für unsinnig und auch für überflüssig, weil ich nicht davon ausgehe, dass Nazis Wikipedia dafür nutzen, um dumpfen Scheiß als “lexikalisch wertvolles Wissen” darzustellen. Und wenn, ist es gerade das Wesen eines Systems wie Wikipedia, dass sich derlei Scheiß aus der Community selbst heraus regelt. Hätte hingegen die Klage Katinas Erfolg, dann wäre das Urteil ein weiterer Sargnagel für Communities, Blogs, Foren und die Verbreitung offenen Wissens.

Siehe auch Artikel bei Golem dazu // golem.de: Anzeige gegen Wikipedia: Unsinnig und überflüssig

Weitere Artikel: hier, hier, hier,

Edit

Habe eben einen Brief an Katina geschrieben und mein Unverstädndnis für diese Initiative zum Ausdruck gebracht. Weiteres Update kommt, wenn ich eine Reaktion habe.

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23 Kommentare »

  1. [...] Auch innerhalb der Partei ruft das Vorgehen Verwunderung hervor. So schreibt Mark Seibert in seinem Logbuch: Auch die stellvertretende Vorsitzende meiner Partei, Katina Schubert, nutzt das [...]

  2. [...] darüber geschrieben haben z.B. Spreeblick und Mark Seibert, welcher Frau Schubert auch angeschrieben hat und eine Antwort erwartet, die er veröffentlichen [...]

    Pingback von Fordert “Die Linke” Zensur? « Ralphs Piratenblog — Donnerstag, 6. Dezember 2007 @ 16:18
  3. [...] nur in den Kommentaren der Newsticker von Golem und Heise, auch in den eigenen Reihen fällt es manchen schwer, diese Entscheidung zu [...]

    Pingback von Die Wikipedia ist rechtsextrem, anzeigen! « Kugelfisch Blog — Donnerstag, 6. Dezember 2007 @ 16:20
  4. Ich hoffe, dass du bald eine Antwort bekommst. Ich denke, wir beide sind hier nicht die einzigen, die das Vorgehen irritiert.

    Kommentar von Ralph — Donnerstag, 6. Dezember 2007 @ 16:21
  5. Ralph, keine Angst. Siehe diese Pressemitteilung.

    Kommentar von Tim 'avatar' Bartel — Donnerstag, 6. Dezember 2007 @ 17:47
  6. @Tim
    Danke für den Link

    Kommentar von Ralph — Donnerstag, 6. Dezember 2007 @ 18:05
  7. Schön zu sehen, dass es nicht die Libke ist, sondern nur jemand, die weder Ahnung von der WIkipedia hat, noch Medienkompetenz zu besitzen schein – diese aber anderen abspricht!

    Danke, Marc!

    Kommentar von Marko — Donnerstag, 6. Dezember 2007 @ 18:08
  8. Schön, dass gleich von vielen Seiten reagiert wird. Ich konnte da auch nicht anders.

    Kommentar von Carsten Labudda — Donnerstag, 6. Dezember 2007 @ 18:32
  9. Die Linke vs. Wikipedia: Katina Schubert hat scheinbar keine Ahnung (und muss sie auch nicht haben…)…

    Vor wenigen Stunden berichtete ich bereits von Katina Schubert, die stellvertretende Vorsitzende der SED/PDS/Linkspartei/wie_die_Mauerpartei_auch_gerade_immer_heißen_mag, die eine Strafanzeige gegen die Wikipedia gestellt hat.
    Das ganze schlä…

    Trackback von Pottblog — Donnerstag, 6. Dezember 2007 @ 20:17
  10. [...] Linke stellt Strafanzeige gegen Wikipedia MARK SEIBERT:LOGBUCH: Im Winterloch Wikipedistik: PR-Ratgeber: Schwimmen auf dem Medieninteresse oder “Nazis gehen immer” Ralphs [...]

  11. Tja, da werden die paar unentwegten der Linken, die hier vor Ort versuchen werden Bundestagswahlkampf zu betreiben, wohl ein paar nette Probleme vor der Brust haben. Zumindest bei mir bestehen absolute Zweifel, ob ich noch eine weitere Partei, deren Vertreterin sich durch so eine beschränkte Medienkompetenz auszeichnet, möglicherweise an den Schalthebeln der Macht hockend, ertragen will und kann.

    Vielleicht kann sich Frau Schubert ja zusammen mit unserer “Was sind noch mal Browser?” Justizministerin in die entsprechenden Angebote der Volkshochschulen einschreiben…

    Kommentar von Rolf Witt — Donnerstag, 6. Dezember 2007 @ 23:02
  12. Sehr geehrte Frau Schubert,

    mit Ihrer Anzeige haben Sie uns ( Jüngeren Mitgliedern ) einen Bärendienst erwiesen. Abgesehen von der zweifelhaften Absicht, etwas “Gutes” zu tun,
    geben Sie die Partei der Lächerlichkeit preis und präsentieren Unwissenheit.

    Lesen Sie mal den Thread : http://www.heise.de/newsticker/foren/go.shtml?list=1&forum_id=128495

    ein User schreibt :

    Der dümmste “Ich will auch mal in die Presse” Medien-Stunt des Jahres!
    Edna Krabappel (mehr als 1000 Beiträge seit 22.04.04)
    Mehr kann man dazu wohl nicht sagen.

    Die Dame wird zwischenzeitlich wohl schon von ihren Parteigenossen
    dezent darauf hingewiesen werden, daß sie solch idiotische, ja
    grenz-debile Aktionen zu unterlassen hat.

    Mein Gott, das ist wirklich so deprimierend dämlich, daß es fast
    schon körperlich wehtut.

    Arme PDS Wähler, die die Frau nun (in diesem Punkt) unverschuldet
    Hohn und Spott ausgesetzt hat.

    Ach, und, Frau Schubert falls sie mitlesen: Aus der Geschichte kommen
    Sie nur mit einem Rückzug der Anzeige, einer Entschuldigung, und
    besser noch einer Geldspende (aber bitte aus eigener Tasche) an die
    Wikipedia wieder raus. Bitte, ersparen Sie uns noch irgendwelches
    “Ich bin ja sooo falsch verstand worden” Geseier. Das reitet Sie nur
    noch tiefer rein.

    dem kann ich mich nur anschliessen.

    MfG, Frank Heinze

    KV Erlangen-Höchstadt, erweiterter Vorstand

    Kommentar von frank heinze — Donnerstag, 6. Dezember 2007 @ 23:07
  13. Ich bin zwar mit Sicherheit kein Sypatisant Deiner Partei, aber dennoch ist Eure Reaktion sehr lobenswert. Vielleicht solltet Ihr der lieben Frau Schubert ja einmal die “Wunderwolke Internet” erklären, damit sie sich nicht gleich naächste Woche wieder “verstäubert” :-)

    Kommentar von Mario — Freitag, 7. Dezember 2007 @ 00:02
  14. … da reagiert die Frau Schubert wie das Establishment…
    und dann noch die Ausrede sie konnte die Adreesse nicht finden??
    hmmm das ist wirklich lächerlich….
    komisch das die Symbole von der SED FDJ und von den jungen Pionieren nicht angezeigt worden…..
    http://de.wikipedia.org/wiki/SED
    http://de.wikipedia.org/wiki/FDJ
    http://de.wikipedia.org/wiki/Junge_Pioniere

    Doch meinen Respekt an die Genossen aus der eigenen Partei die hier wiedersprechen und diesen Unfug erkannt haben.

    MfG Peter Lutz

    Kommentar von Peter Lutz — Freitag, 7. Dezember 2007 @ 05:51
  15. Linke: Wikipedia angezeigt…

    Es gibt ja nicht genügend andere Internetseiten, auf denen die Taten der Nationalsozialisten revisionistisch behandelt und verklärt werden, auf denen nach wie vor der Holocaust geleugnet wird. Nein, mitnichten. Katina Schubert von der Linken ist der …

    Trackback von 24stunden.de — Freitag, 7. Dezember 2007 @ 09:18
  16. [...] vorgestellt. Da die wenigsten Menschen ihre Vorgehensweise nachvollziehen konnten und auch die eigenen Reihen eher befremdet reagierten, tritt Frau Schubert heute einen Teil-Rückzug [...]

    Pingback von Wikipedistik » Blog Archive » Klagerücknahme — Freitag, 7. Dezember 2007 @ 12:30
  17. [...] bis zum Kinn: Die gestrige Ankündigung von Katina Schubert, Vizechefin der LINKEN, hat – auch hier – für heftige Reaktionen gesorgt. Heute kam die erleichternde Nachricht, dass Katina auf die [...]

  18. [...] Spreeblick – Mark (hier habe ich es zuerst gelesen) – Carsten – Wikipedistik – 24 Stunden – Netplanet – Spon – [...]

    Pingback von Anderer Stern - Wikipedia anzeigen! - Leere Signifikanten — Freitag, 7. Dezember 2007 @ 14:38
  19. Von mir gibts keine Stimme mehr auch werde ich versuchen im Bekanntenkreis die Dummheit der Frau Xxxx dazu gebrauchen die Linke nicht zu wählen

    Kommentar von Donaublick — Freitag, 7. Dezember 2007 @ 15:34
  20. Nach den ganzen wohlwollenden Kommentaren und lauter Trackbacks, hier auch einmal ein negativer Kommentar und Gegenstimme.

    Es gibt nämlich auch Menschen, die das was Sie und Herr Heiko Hilker getan haben, als Kanibalismus an der eigenen Partei ansehen.

    Und dies wonach die 10% Prozent Wahlquote der Partei, hauptsächlich von deren Popularität abhängen.

    Hinzu kommt in dieser ganzen “Affäre”, dass hier nicht nur die heilige Kuh “Wikipedia”, sondern in Wahrheit die “Institution” Internet-Community angegriffen wurde, was bei genauerer Betrachtung nichts anderes als ein elektronischer Mob ist, der aber leider nun zu bestimmen scheint, was rechtens ist und was nicht, was schützenswert ist und was nicht, was entartet ist und was nicht. Und der Mob tobte nicht schlecht bei Heise, Golem und in der Blogosphäre.

    Apropos “entartet”:

    > Bei uns im Büro dudelt im Hintergrund immer n-tv. Gestern waren die Nachrichten dahingehend beeindruckend, dass man sich über Stunden live anschauen konnte, wie Knut, der verlauste Eisbär, Gemüse fraß.

    Dies ist doch einmal ein Thema worüber wir reden könnten:
    Das schlechte Programm bei N-TV.

    Es hat mich nämlich sprichwörtlich angekotzt, als auf das Gerichtsurteil der GDL gewartet wurde, und als “Rahmenprogramm” die größten (von Lokführern verursachten) Zugunglücke gezeigt wurden.

    Oder mein spezieller Dauerbrenner:

    Auf Kontrolle – Die größten Sozialschmarotzer bekommen Besuch vom Amt

    Immer wieder lustig anzusehen.

    Aber nein, ärgern Sie sich ruhig weiter über Knut.

    Kommentar von SGB-Ghettofalke — Freitag, 7. Dezember 2007 @ 16:15
  21. Selten so gelacht wie ueber Katinas “geniale” Anklage.
    Hier haben die Komunisten bei der letzten Wahl – zwei Parteien, Comunists und Marxist Leninist – gerade etwas ueber 2.000 Stimmen erhalten. Auch die NDP, gleichzusetzen mit der SPD, hat noch nie und wird auch nie die Bundeswahl gwinnen.
    Die Partei der Mitte, wirtschaftlicher und sozialer Fortschritt, gewinnt meistens, daher ist es auch politisch sehr friedlich.
    Deutschland scheint endlich nach Frahm mit seinem guten Freund Guilleaume und dem kapitalistischem Sozialisten (?) Schroeder in die richtige Richtung zu kommen.

    Kommentar von Kanadier — Freitag, 7. Dezember 2007 @ 18:00
  22. Als ich die Meldung sah, dachte ich zum zweiten mal, wieder ein Grund die Linken nicht zu wählen. Das erste mal war ich irritiert, als ich Schubert bei der Eva Herman Hakattacke in den Meldungen entdeckte.
    Was die Dame dort treibt ist Zensurgehabe und einbringen von privaten Dilemmas, das letzte was ich mir wünsche.
    Sie schadet den Linken mit ihren Phobien und ich werde mich wohl nicht abhalten lassen, zumindest alleine schon aus taktischen Gründen die Linken zu wählen auch wenn ich diese exzentrische Komponente dabei mitwähle.

    Jede Art von Zensur behindert die freie Meinungsbildung, was Schubert dort versucht hat ist der Weg in die Diktatur, etwas wovon sich die Linke ganz schnell distanzieren sollte, sie hat schon genug Probleme damit sich von dem ewigen öffentlichen und künstlich aufgebauschten Kommunismus SED Vorwurf freizuschalten – solches Kasperletheater kann die Linke schon gar nicht gebrauchen.

    Kommentar von Isidoro — Samstag, 8. Dezember 2007 @ 11:44
  23. [...] Vor gut einem Jahr versuchte sich eine Genossin bereits an einer Klage gegen Wikipedia. Katina Schubert vertrat damals die Auffassung, dass Wikipedia verfassungsfeindliche Symbole verwenden würde. Seinerzeit konnte auch mit meiner bescheidenen Mithilfe, aber vor allem weil Katina Schubert ein Einsehen hatte und den Arsch in der Hose, einen Fehler zuzugeben,  die Sache wieder in Ordnung gebracht werden. Mal schauen, ob das mit Lutz Heilmann auch klappt. [...]

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