Innenpolitik, Bürgerrechte, Datenschutz, Medien
Oktober 31st, 2007

Ab 1. November: Weniger Sicherheit und weniger Bürgerrechte beim ePass

Wer bis heute nicht bei seinem Bürgeramt war, weil er seinen Reisepass gegrillt verloren hat, wird künftig beim Beantragen erkennungsdienstlich behandelt. Rechts und links von jeder Hand ein Fingerabdruck, der beim Einwohnermeldeamt auch gleich in eine Datei wandert. Schlimme Sache. Das dachten sich wohl auch die Sicherheits-Füchse aus dem Auswärtigen Amt, denn der Diplomatenpass wird wohl nicht mit dem umstrittenen RFID-Chip versehen. Wegen der angespannten Sicherheitslage, wie es heißt. Dass der neue Pass nicht sicher ist, haben schon die meisten Experten bei einer Anhörung des Innenausschusses des Bundestages festgestellt. Auch Jörg Ziercke, der Präsident des Bundeskriminalamtes war bei dieser Anhörung anwesend und demonstrierte den verdutzen Anwesenden, dass er seinen Pass mit einem Faradayschen Käfig schützen würde. Sprachs und wickelte den Pass in eine Alufolie ein.

Das ist interessant: Die Bundesregierung mutet ihren Bürgern ein Sicherheitsrisiko zu, das sie für ihre Diplomaten nicht eingehen will, behauptet aber in gleichem Atemzug, dass der neue Pass unbedingt sein muss, weil er mehr Sicherheit bringen würde. Vor diesem Hintergrund wundert es mich nicht, dass sich neulich ein Rechtsanwalt aus Hannover bei mir meldete und meinte, dass er morgen zu seiner Passbehörde gehen und die Abgabe der Fingerabdrücke verweigern würde. Einen Pass wird er deshalb nicht bekommen und daher den Klageweg gegen die Bundesrepublik Deutschland beschreiten. Vorbildlich, wie ich finde.

Ähnliches sollten auch die etwa 10 Prozent versuchen, die aus verschiedenen Gründen (harte Arbeit mit den Händen, Alter, Hautkrankheiten) keinen verwertbaren Fingerabdruck abgeben können und zur Strafe mit empfindlichen Kontrollen bis auf die Unterhose an Flughäfen rechnen müssen, wenn das fragliche biometrische Merkmal nicht vorhanden ist. In dem Sinne sorgt der ePass nicht nur für weniger Sicherheit, sondern wirkt auch diskriminierend.

Oktober 30th, 2007

Streng geheim

Das ist so unglaublich dreist, obwohl wir längst daran gewohnt sind, dass die Große Koalition sich nicht bemüßigt, Kleine Anfragen zu beantworten: Wir fragten die Bundesregierung (Drucksache 16/6711) nach den Details zum umstrittenen Abkommen zur Fluggastdatenübermittlung an die USA. Die Antwort auf unsere neun bescheidenen Fragen fiel knapp aus:

Antwort zu Frage 1. bis 9.

Es entspricht den allgemeinen internationalen Gepflogenheiten, dass Verhandlungen über völkerrechtliche Verträge vertraulich geführt werden, ohne dass es dazu besonderer Absprachen bedarf. Der Vertraulichkeitsgrundsatz galt selbstverständlich auch für die Verhandlungen über ein neues PNR-Abkommen zwischen der EU und den USA. (Quelle: Antwort der BReg. auf die Kleine Anfrage 16/6711, beantwortet durch StS Peter Altmeier)

Anlass für die Kleine Anfrage war unter anderem eine Meldung bei Heise, wonach die Details der Verhandlungen unter Verschluss bleiben und für zehn Jahre der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht werden sollen. Das ist, nun ja, mindestens unbefriedigend, parlamentarische Gepflogenheiten und letztlich die Rechte von Abgeordneten (und der Öffentlichkeit) auf Auskunft auf Wunsch dubioser US-Behörden unter Verschluss zu halten. Ich werd mir den Vorgang mal bis zum September 2017 auf Wiedervorlage legen.

Oktober 29th, 2007

Premiere

Heut isses passiert: Ich habe zum ersten und (wie ich hoffe) letzten Mal in meinem Leben einen Leserbrief an das Neue Deutschland (ND) geschrieben. Es ist mir ein wenig peinlich und ich fühle mich angesichts dessen, dass ich nun zu den gleichen Mitteln greifen muss wie die üblichen PDS-Kampfrentner etwas unwohl und auch 20 Jahre älter.

ND behauptet suggeriert nämlich, dass in Friedrichshain-Kreuzberg die Kältehilfe wegen der bösen Sparpolitik in Gefahr sei. Das stimmt gleich aus mehreren Gründen nicht:

  1. Hat die BVV aus massiven Druck der LINKEN (und der Grünen und auf meinen ausdrücklichen Wunsch hin) den Bezirkshaushalt nicht beschlossen, weil die Sparvorgaben des Senats nicht umsetzbar waren und man überdies (zum Beispiel an der Kältehilfe) nicht den Rotstift ansetzen wollte. Ergo: Kein Haushalt -> keine Einsparung.
  2. Im Entwurf des Bezirkshaushaltes (der wegen der nicht auskömmlichen Finanzierung nicht beschlossen wurde) gab es zwar Kürzungen zu Lasten der Kältehilfe. Die sind aber einerseits nicht existenziell gewesen, andererseits hat die BVV unabhängig davon gerade diese Kürzung abgelehnt und damit das Gegenteil dessen gemacht, was Diakonie und ND behaupten. Keine Kürzung ist keine Kürzung. Da beißt die Maus keinen Faden ab.
  3. Zitiert das ND die Sprecherin des Senats mit dem klugen Ausspruch, dass die Bezirke für die Finanzierung der Kältehilfe verantwortlich seien und die Mittel “zweckentfemden” würden, seit die Zuweisung nicht mehr zweckgebunden ist. Dumm nur, dass das Land Berlin den Bezirken insgesamt nicht genug Mittel gibt, egal für was. Ändert aber auch nichts daran, dass in Friedrichshain-Kreuzberg die Gelder für die Obdachlosenhilfe nicht gekürzt wurden, was dazu führt, dass die Obdachlosenhilfe auch nicht in Gefahr ist. Punkt.

Ich bin voll der krasse Kommunalpolitiker. Hätt ich mir auch nicht träumen lassen.

Oktober 26th, 2007

Tolle Anwendungsidee für die elektronische Gesundheitskarte

Muss in letzter Zeit oft mit Gesundheitspolitikern über die geplante elektronische Gesundheitskarte diskutieren. Bin ich eigentlich der einzige, der sich darüber aufregt, dass die den großen Feldtest mit 100.000 Testpersonen aus irgendwelchen fadenscheinigen Gründen nicht machen wollen?

Egal, heute bei einer weiteren Debatte kam mit eine tolle Anwendungsidee für das 1,7-Milliarden-Projekt: Tarife für KFZ-Versicherungen, die an die Leberwerte gekoppelt sind. Toll, oder?

Edit: Nee, ich bin doch nicht irre, wo ich gerade dabei bin, mich auf den Weg in die Kneipe zu machen!

Oktober 23rd, 2007

Die Koalition ist kein Ponyhof.

Hubertus Heil, der Generalsekretär der SPD teilte eben per dpa mit, dass die Koalition kein Ponyhof sei. Und auch kein Kuschelverein. Man wolle die “prägende Kraft” der Großen Koalition sein.

OK, die Große Koalition ist kein Ponyhof und wenn, dann wären wir die Ponys. Der Eindruck kam mir zumindest, als ich mir die Beschlussvorlagen der SPD zu ihrem Parteitag am kommenden Wochenende angeschaut habe. Für den Bereich der Inneren Sicherheit wird dort gefordert:

LKW-Mautdaten sollen künftig von den Sicherheitsbehörden auch zur Verfolgung schwerer Straftaten und zur Abwehr von Gefahren genutzt werden. Eine dauerhafte Speicherung von Fingerabdrücken lehnen die Sozialdemokraten ab. Offen zeigt sich die SPD für verfasungsgemäße Regelungen zur Online-Durchsuchung von Computern sowie für die Bestrafung jener, die sich für Terrorcamps ausbilden lassen.

Anfang 2005 als die LKW-Maut eingeführt wurde und Datenschützer wie Bürgerrechtler erhebliche Zweifel an dem Scanning von KFZ-Kennzeichen anmeldeten, weil man damit vollständige Bewegungsprofile erstellen kann, beteuerte die damals noch ohne die Union, aber mit den Grünen regierende SPD, dass die Mautdaten garantiert nur für Abrechnungszwecke verwendet werden würden. Ganz sicher! Bestimmt! Ehrlich, ey. Nur zweieinhalb Jahre später ist das Versprechen das Papier nicht mehr wert, auf dem es gedruckt war. Klar, denn Daten, die einmal erhoben sind, werden verwendet. Das war schon bei der Kontoauskunft so (nur gegen organisierte Kriminalität – heute werden damit BAFÖG-Empfänger gejagt, die 20 Euro zu viel kassieren).

Was das Versprechen wert ist, Maßnahmen wie die Vorratsdatenspeicherung oder die Online-Durchsuchung maßvoll einzusetzen wert ist, kann man sich unter diesen Bedingungen denken. Nichts. Abgesehen davon kann ich mir nicht vorstellen, wie die Online-Durchsuchung verfassungskonform ausgestaltet werden soll.

In beiden Fällen werden heute schon Forderungen laut, die Maßnahmen für andere Zwecke als die Terrorismusbekämpfung zu benutzen. So forderte derVorsitzende der CDU Rheinland-Pfalz, dass man mit der Online-Durchsuchung Fußballfans überwachen könnte, um etwas gegen Hooligans zu tun. Ein Kulturpolitiker der Unionsfraktin im Bundestag forderte unlängst, man könne (und müsse) mit der Vorratsdatenspeicherung Teenager jagen, die Musik illegal downloaden.

Eins noch zum Thema verfassungskonforme Ausgestaltung der Online-Durchsuchung: Es war der rot-grüne Innenminister Otto Schily, der offensichtlich rechtswidrig seinen Geheimdiensten die Online-Durchsuchung erlaubte. Gleicher Innenmister (und gleicher grüner Koalitionspartner) war es auch, der keine Probleme damit hatte, ein Luftsicherheitsgesetz durchzuboxen, das Leben gegen Leben abwägt und vom Bundesverfassungsgericht kassiert wurde. Soviel zum Thema Verfassungskonformität und “wir beschränken uns nur auf wenige, schwere Verbrechen”. Das glaubt niemand mehr. Und von ePass, RFID usw. rede ich hier nichtmal.

Was folgt daraus? Man muss diese Staat, der Grundrechte zu einer bloßen Manövriermasse degradiert, daran hindern, überhaupt Daten zu speichern, weil jegliche Schranken umgerissen werden, sobald es geht.

Oktober 16th, 2007

Linksruck bei den Grünen?

Der vielzitierte Linksruck in Deutschland hat jetzt offenbar auch die Partei Bündnis 90/Grüne erreicht – zumindest visuell. In der Debatte um ein neues Parteilogo hat die Jury drei Entwürfe vor ausgewählt. Ein Entwurf verwendet für den Schriftzug dieselbe Schrift (Futura) wie die Partei DIE LINKE für ihr Parteilogo.

LINKE-Wahlkampfleiter Bodo Ramelow sieht das als vielversprechenden Anfang: “Nach unserer Logo-Schriftart sollten die Grünen vor allem unsere konsequente Haltung gegen den Afghanistan-Krieg und gegen wachsenden Sozialabbau übernehmen.“

Zur never ending Story “grünes Logo” siehe auch hier

Oktober 12th, 2007

Ausgehtipp

Am kommenden Wochenende findet in Cottbus das Sozialforum statt. Ich bin dabei und Du hoffentlich auch. Und zwar hier:

Diskussionsrunde: „Aussichten am Ende der Welt

Gute Aussichten? Reinald Grebe fühlt sich ausgebrandenburgt. Das Berlin-Institut will bevölkerungsarme Landstriche Wölfen, Luchsen und Bären überlassen. Schrumpfende Städte sind nicht mehr nur für SoziologInnen spannend. Bisweilen entdecken auch KünstlerInnen, AussteigerInnen und Alternative diese Regionen für eigene Feldversuche und Raumpiloterie. Doch was nützt die Entdeckungslust, wenn ÖPNV, Kultureinrichtungen oder gar Lebensmittelgeschäfte zum Luxus werden? Was passiert, wenn DSL und Handynetz erst in der nächst größeren Stadt zu haben sind? Ist die Wegzugsprämie die Lösung oder wäre das Bedingungslose Grundeinkommen die Alternative? Was passiert wenn sich der Staat zurückzieht, wenn er an anderer Stelle omnipräsent ist? Wie sieht es aus mit BürgerInnenrechten und Möglichkeiten der politischen Teilhabe? Ist das Ende der Welt noch zu retten?

Es diskutieren mit euch am 20.10.2007 in Cottbus; 11.00-13.30:

Claudi Jobst (Sprecherin Netzwerk Bedingungsloses Grundeinkommen Sachsen)
Gabi Zimmer (MdEP, DIE LINKE)
Mark Seibert (Datenschützer und Rechtsstaatler; Bezirksvorstand DIE LINKE Friedrichshain-Kreuzberg)
Stefan Sarrach (MdL im Brandenburger Landtag; Abgeordneter im Rechtsausschuss)

Ort: BTU, Hörsaal C
Mehr Informationen zum Sozialforum: www.sozialforum2007.de

Und am Abend: Rock am Ende der Welt

DJs le grex & Dr. Seibertropoulos (Rock/Pop/Alternative)
ab 21 Uhr im quasiMONDO
Cottbus, Erich-Weinert-Str. 2

Oktober 12th, 2007

Am interessantesten.

Gestern besuchte ich eine Veranstaltung des Verbandes der Internetwirtschaft (ECO) zum Thema Online-Gaming und wunderte mich, dass ein durchschnittlicher Bundesliga-Spieler der Computerspiel-Liga 1500 Euro im Monat verdient und der Spitzenreiter in Südkorea 450000 Euro jährlich. Mal schauen, ob ich da anknüpfen kann.

Ich dachte schon, dass mehr nicht passieren würde bei dieser etwas trockenen Veranstaltung, bis eine Mitarbeiterin von Disney ankam und mitteilte, dass mein Kollege und ich wohl “die interessantesten Menschen hier” währen. Danke. Find ich auch.

Oktober 11th, 2007

Terroristische Bundesvereinigung

Heute berät der Bundestag über einen Missbilligungsantrag der FDP-Fraktion. Gegenstand ist die Äußerung des Bundesverteidigungsministers, er würde Passagierflugzeuge abschießen lassen, wenn sie von Terroristen gekapert sind und sich dabei auf einen außergesetzlichen Notstand berufen.

Der Antrag der FDP ist unterstützenswert. Weil der Verteidigungsminister glaubt, sich über das Recht, über Artikel 1 der Verfassung und über das Verfassungsgericht stellen zu können. Nicht nur das ist zu missbilligen, sondern auch die Tendenz, die der Äußerung Franz-Josef Jungs innewohnt:Er fordert nicht mehr und nicht weniger als die Verhängung des permanenten Ausnahmezustands, mithin die Anwendung des Kriegsrechts. Dann nämlich ist es möglich, Menschen nicht mehr als Menschen zu betrachten, sondern nur noch als Zählmasse in einem Abwägungsprozess. Zu Friedenszeiten geht das nicht.

Bleibt die Frage, ob der Verteidigungsminister jetzt verhaftet werden muss. Zum Beispiel wegen Gründung einer terroristischen Vereinigung. Schließlich hat er sich ja mit dem Kommando der Luftwaffe angeblich schon geeinigt, dass für den Abschuss Soldaten ausgesucht werden sollen, die keine moralischen Bedenken haben. Dann wäre die Bundeswehr die terroristische Vereinigung und Jung der Maximo Lider. Hm. heißt aber auch, dass wir viele Knäste bräuchten für hunderttausende Soldaten. Vielleicht bauen wir Mecklenburg-Vorpommern um zu einem Bootcamp?

Oktober 11th, 2007

Gegen die Grundrechte-Verschärfung

Der Mensch, der die folgenden Zeilen im Jugendforum mitmischen.de des Bundestages hinterlassen hat, hat sich höchstwahrscheinlich einfach nur vertippt:

Diese Panikmache wegen der Terroristen bringt mich zum Übergeben. Wir leben doch nicht, um uns das ganze Leben lang Angst zu machen. Irgendwann muss auch mal Schluss mit dem Verschärfen der Grundrechte sein.

Es passt aber so schön zu einem Artikel, der in der FAZ erschienen ist und ausführlich im LawBlog kritisiert wird. Tenor: Online-Durchsuchung ist nicht schlimm, weil andere Fehler (der Polizei zum Beispiel) schlimmer sein können. Super.

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